Reinhold Messner und sein Schloss Juval

“Wie das Bild in meiner Phantasie”

Die sprachliche Ähnlichkeit ist ein Zufall mit Symbolcharakter: Juval klingt nach Juwel, und das ist es auch. Die Burg hoch über der Talmündung von Schnals hat in ihrer rund 800jährigen Geschichte viele Höhen und Tiefen erlebt. Im letzten Jahrhundert war die Burg von kurzen Episoden abgesehen fast vollends dem Verfall preisgegeben.

Niemand schien sich ernsthaft um die weitläufige Anlage zu kümmern, wohl auch wegen der enormen Kosten, die eine Restaurierung nach sich gezogen hätte. Das änderte sich erst, als der berühmteste lebende Südtiroler im Sommer 1983 die Burg kaufte. Reinhold Messner, der König der Achttausender, ist seit dieser Zeit Herr auf Juval.

Eine Burg hatte er schon lange gesucht, doch er fand nichts, was seinen Vorstellungen entsprach. “Es sollte eine Art Fluchtburg für mich sein”, hat er später einmal gesagt, “weil es so unangenehm war, beim Verlassen meines Hauses gleich vor der Tür Autogramme geben zu müssen.” Irgend etwas zwischen Adlerhorst und erlebbarer Geschichte sollte es sein.

Auf Juval stieß Reinhold Messner eher zufällig. Auf seinem Weg zum Ortler oder in die Ötztaler Alpen war er unzählige Male durch den Vinschgau gefahren, doch selten blieb Zeit für eine kurze Rast. Eines Tages fiel sein Blick auf die Burgmauern, die man vom fahrenden Auto aus nur für ganz kurze Zeit erkennen kann. Er wusste weder, was das für ein Gebäude war noch wie es hieß. Doch diese flüchtige Begegnung ließ ihn nicht mehr los.

Schnurstracks fuhr er mit seinem Wagen die engen Kehren der staubigen Schotterstraße hinauf. Das letzte Wegstück musste er zu Fuß zurücklegen, und dann stand er endlich da, wo er hin wollte - vor dem verriegelten Burgtor. Messner rief, doch in der unbewohnten Burg konnte ihm niemand aufmachen. Also kletterte er kurzerhand über die Felsen, und als er im Schlosshof stand, wusste er: “Das ist meine Burg!”

Die Türen waren zugenagelt, alles verstaubt und seit langer Zeit verlassen. Doch das konnte Reinhold Messner nicht abschrecken. Die Burg entsprach genau dem Bild, das er in seiner Phantasie schon oft gesehen hatte. In all den Jahren seither hat der Bergsteiger, Buchautor und Europaparlamentarier restauriert und eingerichtet, Tibetisches in die alpenländische Burg verfrachtet, umgestellt und immer wieder neu gestaltet.

Er, der Unstete, stets Getriebene, der in seinem Leben fast pausenlos zu Abenteuern und großen Herausforderungen unterwegs war, hat hier seine Heimat gefunden. Einen Ort, wo er Ruhe findet und neue Energie tankt, an den es ihn immer wieder hinzieht. Aber auch einen Ort, aus dem er immer wieder ausbrechen, den er für eine bestimmte Zeit verlassen muss, damit die Faszination nicht von der Routine erstickt wird. Eines Tages wird er sogar ganz weggehen, sagt er, “wenn ich nichts mehr verändern kann, weil die ganze Anlage saniert ist.”

Ein Teil von Schloss Juval beherbergt inzwischen ein Museum für tibetische Volkskunst und ist für die Öffentlichkeit zugänglich. So wie Reinhold Messner das einst fast verfallene Schloss wieder zu neuem Leben erweckt hat, so hat er auch den dazugehörigen Bauernhof samt Buschenschank zu einem lebenstüchtigen Unternehmen gemacht.

Vor vielen Jahren hat Reinhold Messner tibetanische Hochlandrinder nach Südtirol gebracht, die sogenannten Yaks. Die klimatischen Bedingungen sind für die Tiere hier fast identisch mit denen in ihrem Herkunftsland. Doch für Einheimische und Touristen sind sie eine Attraktion. Und wenn Messner mit seinen Tieren im Sommer von Sulden zum “Madritsch” zieht, bedürfte es gar nicht der vielen Schaulustigen, um zu wissen, dass hier Südtirols prominentester Hirte unterwegs ist.

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